Welche Wahrheit ist deine?

„Soll ich es meiner Oma sagen oder nicht?“ Birgit sitzt mir gegenüber und schaut mich fragend an. Seit einigen Sessions ist die Erhöhung ihres Selbstwerts und ihres Selbstvertrauens unser Thema, doch heute liegt ihr etwas anderes auf dem Herzen. Bei näherem Hinschauen hat ihre Frage jedoch ebenfalls mit Selbstwert zu tun –  wie fast jegliche Überlegung in der Lebens-Dynamik.

Jede Familie hat ihr Geheimnis:

Worum geht es?

Birgit lebt in glücklicher Liebesbeziehung mit einer Frau. Du wirst jetzt mit den Achseln zucken und meinen: Nun gut, was noch?

Nichts mehr noch. Birgit lebt seit vier Jahren sehr glücklich in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Ihre gesamte Familie weiß es und freut sich über ihr Glück, bis auf die 80-jährige Oma, die weiß es nicht. Es ist nämlich so, dass die Oma mit allen Lebensformen, die von der traditionellen Heterobeziehung abweichen, ein großes Problem hat.

Ihr Motto: “Eine Beziehung besteht zwischen Mann und Frau und nach Möglichkeit vervollständigen zwei bis drei Kinder das Glück.” Umso unverständlicher für die betagte Dame, dass ihre Lieblingsenkelin, die 35-jährige Birgit, weder einen Mann an ihrer Seite noch einen Ring an ihrem Finger hat. Doch Oma ist – das muss man ihr lassen – diskret und fragt nicht nach, denn sie weiß: Heutzutage sind die Dinge schwierig.

Was jedoch bleibt, ist die Frage, ob Birgit im Sinne der Wahrheit ihre Oma an ihrem Lebensglück teilhaben lassen sollte oder nicht. Es war Birgit ein großes Bedürfnis hierin innere Klarheit zu finden.

Die Optionen sind klar:

Die Optionen sind klar: entweder ja, erzählen oder nein, Klappe halten.

Überstrahlt die Wahrheit alles und muss unbedingt in die Welt geplappert werden oder gibt es auch einen ethisch korrekten, leiseren Weg?

Variante 1: Die Wahrheit muss gesagt werden

Welche Auswirkungen hätte es, wenn Birgit ihrer Oma bei Kaffee und Kuchen beiläufig erzählt: „Ach übrigens, ich bin so unendlich glücklich in meiner Beziehung mit Susanna. Ja, Omi, ich bin lesbisch.“

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Der Vorteil:
Die Wahrheit ist draußen, Birgit spielt mit offenen Karten, die Frage „soll ich erzählen oder nicht“ wäre ein- für allemal erledigt. Nach dem Motto  der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann ist die Wahrheit den Menschen zumutbar. Alles erledigt und fertig? Ja, so kann man es sehen.

Der Nachteil:
Die gute Frau ist 80 Jahre alt und nicht bei bester Gesundheit. Ihre emotionale Ablehnung von Lesben und Schwulen ist groß und das Thema für sie sowieso ein No-Go-Thema. Will/soll/kann man den Seelenfrieden einer anderen Person – speziell und vor allem in diesem Alter – stören, um sich selber mit der Wahrheit zu brüsten?

Ist die Wahrheit wichtiger und schwerwiegender als alles andere und dürfen die persönlichen Grenzen eines Menschen, der nicht mehr allzu lange zu leben hat, für die Wahrheit überschritten werden?

Schlaflose Nächte wären wohl garantiert. Was wäre, wenn es zu einer gesundheitlichen Verschlechterung käme? Erhebt sich die Freiheit der Wahrheit immer über alles oder darf sie zugunsten der Grenze anderer  auch mal pausieren? Nicht ganz so einfach oder?

Variante 2: Schweigen ist Gold

Auch das ist eine Variante. Man könnte der alten Frau die Wahrheit verschweigen, dem Thema ausweichen.

Der Vorteil:
Der großmütterliche Seelenfriede ist gewahrt. Birgit sieht ihre Großmutter sowieso nicht so oft. Es gibt keine Diskussionen, keinen Streit, keine Anschuldigungen, keine Enttäuschungen. Die Zeit zwischen Oma und Enkelin bleibt unbelastet und später trübt nichts die Erinnerung an die geliebte Großmutter.

Der Nachteil:
Birgit könnte sich fragen: „Stehe ich wirklich zu meiner Liebe, wenn ich sie einer Verwandten verschweige? Verbiege ich mich, wenn ich einen wichtigen Teil von mir nicht bedingungslos zeige? Wie fühlt es sich für mich, zu schweigen? Ist es für die alte Dame okay, ist es für mich ein Akt der Liebe oder fühle ich mich schlecht, vielleicht sogar feig?”

Sind beide PartnerInnen mit der Strategie des Verschweigens nicht wirklich im Reinen, kostet das permanent Energie und das Vertrauensverhältnis in der eigenen Beziehung kann mit der Zeit brüchig werden.

Du siehst, beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Es kann keine klare Empfehlung geben. Egal, wofür sich Birgit entscheidet, beide Varianten sind richtig.

Es mag sein, dass es für dich in dieser Situation nur eine einzige Lösung gäbe, auch das ist in Ordnung. Könntest du dir jedoch ein anderes Thema vorstellen, wo zwei Optionen denkbar wären? Einfach nur so, um meinen Gedankengängen zu folgen?

Welche Entscheidung ist die richtige?

Beide sind richtig, das haben wir bereits festgestellt. Wie kommt Birgit bzw. wie kämst du zu einer Entscheidung? Die innere Klarheit führt dich in dein Herz, dort findest du die Antwort.

Es kann ein Akt der Liebe und des Respekts sein, einen anderen Menschen nicht mit der Wahrheit zu überfordern, wenn die Wahrheit eine Belastung wäre. Die Wahrheit hinauszuschreien kann genauso gut ein Akt des Egos sein, das keine Rücksicht kennt. Ein Ego, das durch die Herzen anderer trampelt wie ein kleines, trotziges Kind.

Wir sprechen gerne von Liebe. Das, was Liebe ist, meint und sein soll, füllt viele Millionen Buchseiten, Unmengen von Kinofilmen und noch viel mehr Kindle-Speicherplatz. Irgendwann kommt die bedingungslose Liebe zur Sprache, den anderen so anzunehmen, wie er ist. Ihn/Sie in seinem Verhalten zu akzeptieren, ohne ihn/sie ändern zu wollen. Gilt das auch für Großmütter?

Findest du jedoch in deinem Herzen das Gefühl der Feigheit, glaubst, deine eigene Liebe und dein eigenes Leben zu verraten, dann schaut die Sache anders aus.

Wenn Klarheit und Wahrhaftigkeit nicht aus dem Ego heraus, sondern aus deiner Seele, aus deinem Herzen kommen und so unendlich stark sind, dass du bereit bist, im Ernstfall mit deiner Familie zu brechen, dann muss das Thema wohl in die Welt. (Egal, welches Thema deines ist, jede Familie und jede Gesellschaft hat ungeschriebene Regeln und Gesetze, die trotzdem übertreten werden. Die Frage, ob diese „Übertretungen“ geheim bleiben oder öffentlich gemacht werden, tritt immer auf.) Natürlich kann auch alles gut werden und Birgits Oma nützt die Gelegenheit, ihre Vorurteile aufzugeben. Das passiert zwar selten, ist aber schon vorgekommen. Überraschungen gibt es immer wieder.

Mein eigenes Motto in meiner Jugend war: „Mütter halten mehr aus als man glaubt.“ 🙂

Wie kommst du zu deiner eigenen Wahrheit?

  1. Setz dich hin und schreibe. Schreibe dir alles von der Seele, schreibe deine Optionen auf. Das Schreiben zwingt dich, die Situation und deine Handlungsoptionen klar durchzudenken.
  2. Frage dich: „Was wäre noch möglich?“ Hier öffnest du den nächstmöglichen Raum für eine weitere Lösung. Sei nicht überrascht, wenn dich diese einfache Frage zu einer perfekten Lösung bringt.
  3. Achte auf dein Herz, höre deine innere Stimme. Sei bereit, innerlich leer zu sein, damit die Lösung zum Wohle aller entstehen kann. Schicke Ego, inneren Kritiker und sonstige Quatschgenossen auf Urlaub, das ist eine Sache zwischen dir, deinem liebenden Herzen und deiner Seele, die nach Entwicklung strebt. Oft ist es sehr hilfreich, sich bei diesem Prozess unterstützen zu lassen.
  4. Triff deine klare Entscheidung, vertraue dir, sei sicher.
  5. Leg los und setze deine Entscheidung um!

Wie schauts mit dir aus? Kennst du solche Zwickmühlen? Auf welche Art hast du deine Entscheidungen getroffen?

3 Kommentare
  1. Stephan
    Stephan sagte:

    Hallo Riccarda,

    ja bei mir gibt es auch viele Zwickmühlen.

    So wie du beschrieben hast ist es zum Beispiel auch der Konflikt mit den Eltern um die eigene Persöhnlichkeit

    Oder das konservative Weltbild der Oma und somit dürfte ich nur das sagen was sie für richtig. Kein Lärm, dies nicht, das nicht und jedesmal wenn ich versuche die Grenzen auszuloten, werd ich ausgebremst.

    Ich sehe sie auch nur alle 3-4 Wochen und sie hatm ich auch schon oft unterstützt, aber es ist immer eine gradwanderung.

    Deshalb hat jede Entscheidung, die man macht, Vor und Nachteile

    LG Stephan

  2. Riccarda
    Riccarda sagte:

    Lieber Stephan, innerhalb der Familie ist es besonders schwierig, da sind so viele Emotionen mit dabei …. ‘Wie Du richtig schreibst, es gibt Vor- und Nachteile. Diese bewusst einzugehen und anzunehmen, eine klare Entscheidung zu treffen udn nicht irgendwie im Thema herumzuwanken, halte ich für wichtig. Vor allem für das eigene Sein. lg Riccarda

  3. Marie
    Marie sagte:

    Guten Tag Riccarda,
    Ja richtig aber ich glaube so viele Zwickmühlen haben Junge Leute mit Eltern aber mit der Zeit, es hat immer weniger Sinn was zu bergen, besonders in der Familie….

    Grüße von Gelsenkirchen 🙂 Marie

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